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Kommentar von Violeta Berisha



Die Stadt selbst, seine Architektur und die Schauplätze verschiedener Literaten und Lyriker zeigt sich dem Zuschauer bei dieser imaginären Stadtführung in projizierten Bildern. Begleitet von der Performance Hoffmanns und dem musikalischen Spiel Morgensterns, teils folgsam und begleitend, teils dissonant und Raum für Widerspruch schaffend. Und mit dieser Performance schafft das Duo eine teils dramatisch ergreifende und geistreiche Zeitreise, ein Orchesterstück bestehend aus Literatur und Lyrik, Historie und politischen Ereignissen, Lyrik und Mythos.

Nach einem unterhaltsamen Einstieg, der auch Hoffmanns Talent als Sänger zeigt, springt das Pas de deux aus Text und Musik unaufhaltsam in die Geschichte, mit einem Auszug der Rede Goebbels im Berliner Sportpalast. „Ich frage euch....“ kommt es redundant aus Hoffmanns Kehle heraus, der in die Rolle des Redners schlüpft und nur Kraft seiner Stimme vermag Realität und Geschichte verschwimmen zu lassen. Unabwendbar angesprochen gefühlt drücken sich die Zuhörer und Zuschauer in ihre Sitze. Der Raum im Dunklen mit leichtem Spotlicht auf Schauspieler und Musiker schafft eine unbehagliche Atmosphäre, die verstörend vom konterkarierten Spiel Morgensterns ein Zeitmosaik aus der Vergangenheit zurückholt.

Biografische Eckdaten, Bilder noch bestehender Gebäude, oder aber von Neuen, die an deren Stelle getreten sind, zeigen das Berlin Schöneberg wie man es heute kennt und wie es einmal war – der vorher-nachher Effekt, nicht nur durch visuell Bekanntes, sondern auch durch die Aktualität der literarischen Texte, schafft ein Verschwimmen der Grenzen zwischen Gegenwärtigem und Vergangenem. Es bleibt irgendwie gleich und trotzdem anders – das Leben hier. Jedes Mal wenn Ecki Hoffmann in die Rolle des Stadtführers zurückfällt, sein Publikum mit Informationen füttert, die den Kontext des Gesagten schaffen und zusammenhalten, ergibt sich ein Moment des Aufatmens und der Ruhe, bevor ein neuer Zeitzeuge und sein Werk aus dem dunklen Kapitel erzählen.

„deutsches Blut....“ flüstert Ecki Hoffmann mit Nachdruck, wiederholt und wiederholt, bis einem eben dieses Blut in den Adern zu gefrieren droht. Das Gefühl, dass nicht- deutsches Blut schneller zu erstarren droht, vermag ich an dieser Stelle nicht zu beantworten. Aber der intime über den Körper sich ausbreitende Schauer ist förmlich im ganzen Raum zu spüren. Der Schauspieler Hoffmann bewegt sich in Mimik und Sprache zwischen Diabolischem und Größenwahn bis hin zum aus der Realität entrissenen Clownesken, wenn er aus dem literarischen Werk „Der Augenzeuge“ von Ernst Weiß, der sich nach seiner Emigration beim Einmarsch der deutschen Truppen in Paris aus Verzweiflung das Leben nimmt, ihn selbst und H. spielt und zitiert.

Violeta Berisha 2018